Tel Aviv – Mekka für Startups

Nach wie vor residieren Startups gerne am traditionsreichen Rothschild Boulevard im Herzen von Tel Aviv. Aber zunehmend siedeln sie sich auch im neuen High Tech-Stadtteil Sarona an oder an der Ausfallstraße nach Herzliya. Dieser Artikel untersucht, was Tel Aviv für Startups so besonders macht.

Tel Aviv Rothschild Boulevard

Tel Aviv Rothschild Boulevard

19 Startups pro Quadratkilometer

In Israel kommen 6.000 Startups auf acht Millionen Einwohner. Das High Tech-Mekka Tel Aviv zählt gar 19 Startups pro Quadratkilometer oder eines pro 290 Einwohner. Wie kann das sein? Ganz einfach: Unternehmertum ist in Israel hoch angesehen. Und das Risikokapital sitzt locker: Israel machte 2017 fast fünf Milliarden Venture Capital locker. Das sind pro Kopf 30-mal mehr als in Europa und zweieinhalbmal mehr als in den USA. Die Investitionen in Forschung und Entwicklung sind, relativ gesehen, Weltspitze.

Drei Aspekte machen Tel Aviv so besonders attraktiv für Startups:

  • Es ist das unangefochtene Wirtschaftszentrum Israels und pflegt einen intensiven Austausch mit allen Industrienationen.
  • Es zieht High Tech Spezialisten aus Israel und der ganzen Welt an; alle davon sprechen fließend Englisch.
  • Die Tech Szene ist ungemein kommunikativ, optimistisch, neugierig und hilfsbereit. Und exzellent vernetzt.

„Wenn ich ein Problem habe, sind sofort Leute zur Stelle, um zu helfen. Leute, die dasselbe schon einmal erlebt und eine gute Lösung gefunden haben.“, erklärt ein Startup-Mitarbeiter.

Coworking

Es gibt schickere Coworkings, aber der hier liegt direkt am Strand 🙂

Exzellente Infrastruktur

Tel Aviv hat genügend Investoren, Universitäten, High Tech-Unternehmen, Coworking Spaces und Service Provider, um ein Startup Ökosystem wie im Silicon Valley zu bieten. Diese Infrastruktur ist längst zum Selbstläufer geworden. Sie zieht nachhaltig Talente, Kapital und Ressourcen an, wodurch sich das Rad der Innovation und Entrepreneurship immer schneller dreht.

Tel Aviv Sarona

Tel Aviv Sarona

Tja, und dann wäre da noch das Wetter und die Surf- und Party-Kultur. Surfer sieht man auch Ende November noch am Strand von Tel Aviv und die Clubs, Cafés und Restaurants können sich mit den Metropolen der Welt messen.

Surfing Tel Aviv

Ende November wird noch gesurft und gechillt am Strand

Staatliche Innovationsförderung

Vor 70 Jahren als Agrarstaat gegründet, entfällt heute fast die Hälfte der Exportleistung Israels auf die High Tech-Industrie. Dieser Umbau ist beispiellos – aber kein Zufall. Das winzige Land verfügt kaum über natürliche Ressourcen, hat aber ein hohes Bildungsniveau. Schnell erkannte der israelische Staat, dass die Zukunft nur im High Tech-Sektor liegen konnte.

Dieser wird mit jährlich vier bis fünf Prozent des BIP gefördert. Keine andere Nation investiert so viel in die Innovationsförderung. Maßgeschneiderte Programme für die Startup-Szene sowie die traditionell enge Vernetzung von Staat, Wirtschaft, Gesellschaft und Militär inspirieren immer wieder neue unternehmerische Initiativen.

Die Startup-Mentalität

Während gefühlte 90 Prozent der deutschen Studenten eine gut bezahlte Stelle bei einem tollen Unternehmen anstreben, setzen Israelis auf die eigene Unternehmensgründung. In Deutschland gelten Jungunternehmer als Prekariat, in Israel als Rohdiamanten. Die Wertschätzung des Unternehmertums hüben und drüben könnte unterschiedlicher nicht sein.

Die Startup-Szene von Tel Aviv ist von diesem Gründergeist durchdrungen. Zugleich profitiert sie von einigen typisch israelischen Charaktereigenschaften.

  • Israel ist ein Land der “Early Adopter”. Neugierde, Offenheit für alles Technische sowie ein gewisser Spieltrieb durchziehen die gesamte Gesellschaft.
  • Israelis sind unternehmungslustig. Sie haben eine Hands-on-Mentalität. Ideen werden einfach mal umgesetzt, statt sie zu zerreden.
  • Israelis sind tendenziell unerschrocken. Vielleicht liegt es an der kollektiven Erfahrung im Militärdienst und in der Landesverteidigung, vielleicht ist es in der DNA der Holocaust-Überlebenden verankert: So schnell lässt sich ein Israeli nicht ins Bockshorn jagen.
  • Israelische Kinder wachsen in der Überzeugung auf, hochbegabt und in jeder Hinsicht wunderbar zu sein. Die meisten jungen Menschen haben dementsprechend ein starkes Selbstvertrauen.
  • Israelis gelten als sehr direkt. Das erleichtert es, Anforderungen und Ziele zu formulieren, konstruktive Kritik zu üben und letztlich auch, Geschäfte abzuschließen.
  • Nicht zu vergessen ist der legendäre jüdische Humor, mit dem Rückschläge schnell abgewettert werden.
Tel Aviv Wandgemälde

Jüdischer Humor ist sich selbst auf die Schippe zu nehmen

Natürlich gilt dort wie hier das Kölner Diktum „Jeder Jeck ist anders“. Trotzdem habe ich bei meinen Feldforschungen diese Eigenschaften immer wieder verifizieren können. Plus der Beobachtung, dass Erfolge gerne übertrieben werden – zur Selbstmotivation und Bestärkung. Motto: Nur keine falsche Bescheidenheit.

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